Warum ich drei mal nach Gevelsberg gefahren bin | #4
Newsletter | Dezember 2025
#architekturfotografie | #licht | #tageszeiten |



von Lioba Schneider
Architekturfotografin

Liebe Leserin, lieber Leser,

es war ein Gebäude in Gevelsberg. Mit einer Eingangsfassade nach Norden. Und ich war dreimal da.

An einem Tag im Juni: Einmal früh morgens, während der längsten Tage des Jahres, dem einzigen Moment, an dem die Sonne diese Nordfassade überhaupt direkt trifft. Einmal mittags, als das Licht als Gegenlicht einfiel. Und einmal zur Abenddämmerung, als das Gebäude von innen zu leuchten begann.

Drei Aufnahmen. Drei Stimmungen. Drei Bilder, die zusammen erzählen, was dieses Gebäude kann.

Architekturfotografie eines freistehenden Einfamilienhauses mit weissem Putz in Gevelsberg von der Eingangsseite mit Photovoltaik auf dem Dach bei Tageslicht.
Architekturfotografie eines freistehenden Einfamilienhauses mit weissem Putz in Gevelsberg von der Eingangsseite mit Photovoltaik auf dem Dach bei Tageslicht.
Architekturfotografie eines freistehenden Einfamilienhauses mit weissem Putz in Gevelsberg von der Eingangsseite mit Photovoltaik auf dem Dach in der Dämmerung.

Licht ist keine Konstante

Die häufigste Frage, die ich vor einem Shooting in der Architekturfotografie bekomme: Wann kommen Sie? Die ehrliche Antwort: Das hängt vom Gebäude ab. Und natürlich vom Wetter – dazu mehr in einem anderen Newsletter.

Die Himmelsrichtung der Fassade entscheidet, wann das Licht stimmt. Eine Westfassade hat ihren Moment am späten Nachmittag, eine Ostfassade am frühen Morgen. Eine Nordfassade – das ist der interessante Fall – liegt die meiste Zeit im diffusen Schattenlicht. Das kann wunderschön sein: weiches, gleichmäßiges Licht ohne harte Schatten, das Materialien und Texturen sehr klar zeigt. Das direkte Streiflicht gibt es hier nur für einen kurzen Moment im Hochsommer, kurz nach Sonnenaufgang.

Diese Momente plane ich im Vorfeld auf Basis von Sonnenstandsdaten, die mir exakt zeigen, wie die Sonnenstrahlen zu welcher Stunde auf welche Fassadenfläche treffen. So lege ich für jede Perspektive die optimale Tageszeit fest, bevor ich das erste Mal vor Ort bin.

Gibt es schlechtes Licht?

Eigentlich nicht. Mittagslicht gilt als das schwierigste – hart, flach, schattenlos. Bei einer Nordfassade wird es zum Gegenlicht, was dramatisch wirken kann, aber in der Belichtung anspruchsvoll ist.

Noch deutlicher wird diese Herausforderung bei Innenaufnahmen. Durch die Fenster fällt oft sehr viel mehr Licht, als im Raum selbst ankommt; ein Kontrast, den das Auge automatisch ausgleicht, den die Kamera aber nicht in einer einzigen Aufnahme erfassen kann.

Ich löse das durch eine gezielte Belichtungsreihe: Der Ausblick durchs Fenster, der Raum und einzelne Möbel werden separat belichtet und in der Nachbearbeitung zu einem stimmigen Bild zusammengeführt. So bleiben Innenraum und Ausblick gleichermaßen erkennbar, ohne dass Details verschwinden oder überstrahlen. Wie in diesem Beispiel vom Umbau einer Anwaltskanzlei im RWE-Turm mit seinen bodentiefen Fenstern:

Interieurfotografie einer umgebauten Anwaltskanzlei im RWE-Turm in Essen. Bodentiefe Fenster geben den Blick frei auf das Ruhrgebiet. Ein grünes halbrundes Sofa von Vitra steht im grosszügigen Raum.

Hartes Licht, starke Kontraste, schwierige Schatten: Das sind in der Bearbeitung lösbare Aufgaben, keine Absagen.

Die Dämmerung: ein Moment, der Planung braucht

Kurz nach Sonnenuntergang oder -Aufgang, mir ist abends lieber ;), wenn der Himmel blassblau leuchtet und die Innenbeleuchtung sichtbar wird, entsteht eine Dämmerungsaufnahme, die tagsüber nicht möglich ist. Das Gebäude leuchtet von innen, man kann in die Räume schauen, Außen- und Innenraum verbinden sich zu einem Bild.

Ob eine solche Aufnahme sinnvoll ist, bespreche ich vorab mit jedem Kunden. Gerade bei Gebäuden mit großen Fensterflächen bietet sich das an. Sie braucht Vorbereitung: Das Licht im Inneren muss gezielt eingeschaltet, Rollläden müssen oben gelassen werden – dafür brauche ich einen Ansprechpartner vor Ort oder eine abgesprochene Lösung mit der Bewohnerschaft. Das ist organisierbar, aber kein Selbstläufer.

Wenn die Rahmenbedingungen stimmen und der Kunde es möchte: Diese 15 bis 20 Minuten lohnen sich. Wie hier bei diesem Neubau einer Villa in Köln:

Diese Architekturfotografie zeigt ein modernes weises grosszügiges Einfamilienhaus mit grossen bodentiefen Fenstern im klassischen Stil von der Gartenseite aus in der Dämmerung.
Diese Architekturfotografie zeigt ein modernes weises grosszügiges Einfamilienhaus mit zwei Etagen im klassischen Stil von der Straßenseite aus in der Dämmerung.

Was das für Ihr nächstes Projekt bedeutet

Je früher ich weiß, welche Fassaden, welche Perspektiven und welche Nutzung der Bilder gewollt sind, desto gezielter kann ich planen. Manchmal reicht ein Termin. Manchmal sind zwei sinnvoll – einer am Morgen, einer am Abend. Das bespreche ich gerne im Vorfeld, bevor wir einen Termin festlegen.

Der Aufwand lohnt sich. Das Tageszeit und das Licht machen den Unterschied.

Bis bald!
Lioba

PS: Falls Sie sich nicht sicher sind, ob Ihr Projekt „reif“ fürs Fotografieren ist – schreiben Sie mir einfach kurz, wo Sie im Bauprozess stehen. Das kläre ich mit Ihnen gemeinsam und unkompliziert.